Erasmus+ in Helsinki – Lernen zwischen Schule, Kultur und Natur

Im Rahmen eines zweiwöchigen Erasmus+-Aufenthalts durfte ich im September und Oktober 2026 Helsinki und das finnische Bildungssystem intensiv kennenlernen. Zwei unterschiedliche Fortbildungen, Schulbesuche in Finnland und Estland, der Austausch mit Lehrkräften aus verschiedenen europäischen Ländern sowie zahlreiche persönliche Eindrücke machten die Zeit zu einer besonders abwechslungsreichen und lehrreichen Erfahrung.

Woche 1: Miteinander statt gegeneinander – Anti-Bullying und Cyberbullying

Die erste Kurswoche stand unter dem Titel „Anti-Bullying and Cyberbullying Strategies from Finland“. Gemeinsam mit Lehrkräften aus verschiedenen europäischen Ländern beschäftigten wir uns mit einem Thema, das für den schulischen Alltag von großer Bedeutung ist: Wie können Schulen ein respektvolles und sicheres Umfeld schaffen, in dem sich Schülerinnen und Schüler wohlfühlen?

Nach einer Einführung in die finnische Bildungslandschaft und die finnische Kultur ging es zunächst um Bullying und herausforderndes Verhalten. Besonders interessant war die Auseinandersetzung mit dem finnischen KiVa-Programm zur Prävention und Bekämpfung von Mobbing. Darüber hinaus beschäftigten wir uns mit den Herausforderungen der digitalen Welt und Cyberbullying sowie mit dem „Steps of Responsibility“-Modell.

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf positiver Pädagogik und dem Wohlbefinden von Schülerinnen und Schülern. Mit dem VERSO-System lernten wir außerdem einen finnischen Ansatz zur Peer-Mediation kennen, bei dem Schülerinnen und Schüler aktiv in die Lösung von Konflikten einbezogen werden. In Workshops wurden die verschiedenen Ansätze diskutiert und auf die eigene schulische Praxis übertragen.
Besonders spannend war dabei der Perspektivwechsel: Viele der vorgestellten Konzepte sind weniger als einzelne Maßnahmen zu verstehen, sondern vielmehr als Teil einer Schulkultur, in der Verantwortung, Wohlbefinden und ein respektvoller Umgang miteinander eine zentrale Rolle spielen.

Auch Helsinki selbst wurde Teil der Fortbildung. Bei einer Stadtführung und einem Besuch der beeindruckenden Oodi-Bibliothek konnten wir die finnische Hauptstadt kennenlernen. Oodi ist dabei weit mehr als eine klassische Bibliothek und vermittelte einen interessanten Eindruck davon, welchen Stellenwert öffentliche Bildungs- und Begegnungsorte in Finnland haben.
Zum Abschluss der Woche besuchten wir das Helsinki Art Museum und reflektierten die Inhalte der Fortbildung. Ein besonderer persönlicher Höhepunkt war anschließend der gemeinsame Ausflug nach Seurasaari. Auf der Insel mit ihrem Freilichtmuseum konnte ich finnische Geschichte und traditionelle Architektur kennenlernen und gleichzeitig die für Helsinki typische Verbindung von Stadt, Natur und Wasser erleben.

Woche 2: Finnische und estnische Bildung im direkten Vergleich

In der zweiten Woche wechselte der Schwerpunkt von Mobbingprävention und Wohlbefinden zu einem umfassenderen Blick auf Schule und Unterricht. Der Kurs „Finnish and Estonian Education Success: School Visit Insights“ stellte die Frage in den Mittelpunkt, was das finnische und estnische Bildungssystem besonders macht und was sich davon in andere Länder übertragen lässt.

Nach der Vorstellung der teilnehmenden Schulen beschäftigten wir uns mit zentralen Prinzipien der finnischen Bildung. Auch die häufig mit Finnland verbundene PISA-Debatte wurde kritisch betrachtet: Was sagen PISA-Ergebnisse tatsächlich aus – und was können sie nicht erklären? Ergänzend ging es um das estnische Bildungssystem sowie um Werte, Wohlbefinden und Pädagogik im finnischen Schulalltag.

Besonders wertvoll waren die direkten Einblicke in Schulen. Bei einem Schulbesuch in Espoo lernten wir die Saunalahti School kennen, erhielten eine Präsentation über die Schule, besichtigten die Räumlichkeiten und konnten anschließend Fragen stellen. Dadurch wurde vieles, was zuvor theoretisch besprochen worden war, unmittelbar greifbar.

Ein weiterer Höhepunkt führte uns nach Tallinn. Dort besuchten wir eine Schule, erhielten einen Einblick in deren Organisation und beobachteten anschließend eine Unterrichtsstunde zum Thema Entrepreneurship. Gerade der direkte Vergleich zwischen finnischer, estnischer und deutscher Schule eröffnete viele interessante Perspektiven auf Unterricht, Eigenverantwortung und die Rolle von Schülerinnen und Schülern.

Am Ende der Kurswoche ging es vor allem darum, die gewonnenen Inspirationen in die eigene Praxis zu übertragen. Wir beschäftigten uns erneut mit den Werten des finnischen Bildungssystems und mit zukünftigen Entwicklungen im Bildungsbereich. Eine abschließende Reflexion und die Übergabe der Zertifikate bildeten den offiziellen Abschluss der Fortbildung.

Lernen durch Austausch

Eine der größten Stärken des Erasmus+-Aufenthalts war für mich der internationale Austausch. Die Fortbildungen brachten Lehrkräfte aus unterschiedlichen europäischen Ländern zusammen. Dadurch entstanden viele Gespräche über Unterricht, Schulorganisation, Herausforderungen und Lösungsansätze.

Besonders interessant war dabei, dass sich Unterschiede zwischen den Bildungssystemen nicht einfach auf einzelne Methoden reduzieren lassen. Vielmehr hängen sie mit unterschiedlichen Vorstellungen von Schule, Verantwortung, Vertrauen, Wohlbefinden und dem Verhältnis zwischen Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern zusammen.

Für mich als Lehrer an einem bayerischen Gymnasium war gerade dieser Vergleich besonders wertvoll. Die Frage war nicht, welches System „besser“ ist, sondern vielmehr: Welche Ideen können mich dazu bringen, meinen eigenen Unterricht und meine Schule mit neuen Augen zu betrachten?

Helsinki erleben

Auch außerhalb der offiziellen Kurszeiten bot Helsinki zahlreiche Möglichkeiten, Finnland kennenzulernen. Die Stadt verbindet auf besondere Weise urbanes Leben mit Natur. Spaziergänge durch unterschiedliche Stadtviertel, entlang der Küste und durch die zahlreichen Grünflächen vermittelten einen Eindruck von einer Stadt, in der Natur ein selbstverständlicher Teil des Alltags ist.

Zu den persönlichen Höhepunkten gehörten außerdem Ausflüge nach Porvoo und Tampere sowie Wanderungen im Nuuksio-Nationalpark. Dort wurde besonders deutlich, wie eng Natur und finnische Lebensweise miteinander verbunden sind. Auch ein Abstecher nach Tallinn ergänzte die Fortbildung um eine weitere kulturelle und geografische Perspektive.

Eine besondere Erfahrung war schließlich die finnische Saunakultur. Sauna ist in Finnland weit mehr als eine touristische Attraktion: Sie gehört ganz selbstverständlich zum Alltag und verbindet Entspannung, Natur und soziale Begegnung.

Fazit

Zwei Wochen Erasmus+ in Helsinki haben mir deutlich mehr gegeben als neue Methoden und Unterrichtsideen. Ich konnte ein Bildungssystem aus unmittelbarer Nähe kennenlernen, finnische und estnische Schulen besuchen, internationale Kontakte knüpfen und zahlreiche Impulse für meine eigene Arbeit mitnehmen.

Besonders beeindruckt hat mich die konsequente Verbindung von Bildung, Wohlbefinden, Vertrauen und Eigenverantwortung. Gleichzeitig hat mir der internationale Vergleich gezeigt, dass es nicht darum geht, ein Bildungssystem einfach zu kopieren. Vielmehr lohnt es sich, gute Ideen herauszugreifen, kritisch zu hinterfragen und an die eigene schulische Realität anzupassen.

Neben den fachlichen Erkenntnissen bleiben vor allem die persönlichen Begegnungen und die vielen Eindrücke von Helsinki, Finnland und Estland. Die Kombination aus Fortbildung, internationalem Austausch, Schulbesuchen, Kultur und Natur machte diesen Erasmus+-Aufenthalt zu einer intensiven und nachhaltigen Erfahrung.

Erasmus bedeutet für mich deshalb vor allem eines: über den eigenen schulischen Tellerrand hinauszuschauen, voneinander zu lernen und neue Ideen mit nach Hause zu nehmen.

Simon Schart