Spoken Words als Kunstform

Zeitungsartikel im Weißenburger Tagblatt, 25.04.2026

Poetry-Slam-Lesung und anschließender Workshop mit Pauline Füg am Gymnasium

Pauline Füg ist freie Autorin und Slamerin. Sie gibt Seminare für kreatives Schreiben und liest ihre Texte auf regionalen Bühnen, aber auch in der Hamburger Elbphilharmonie vor 2.000 Zuhörern. Und dann hat selbst sie Lampenfieber, obwohl sie ein alter Hase in der Poetry Slam-Szene ist. Das gibt sie freimütig zu, als sie am Werner-von-Siemens-Gymnasium den Schülern der 11. Klasse einen kleinen Einblick in die Kunstform des gesprochenen Wortes gibt. Doch sie trägt auch eigene Texte vor, auswendig und mit Manuskript. Und dann wird es mucksmäuschenstill im Saal, denn Pauline Füg slamt meisterhaft: mit passender Intonation und Rhythmik, auch mit Mimik, Gestik und dem ganzen Körper. Das macht ihre Texte so authentisch.

Locker plaudert sie zwischen den Kostproben ihres Könnens aus ihrem Leben, das zwischen Slam-Events, Literaturfestivals und Creative Write-Kursen stattfindet. Dabei ist die Wahl-Fürtherin eigentlich Psychologin. Doch bereits während ihrer Studienzeit zog sie die Kunst des Spoken Word in ihren Bann. Und seit ihrem ersten öffentlichen Auftritt noch während ihrer Schulzeit in Ansbach tingelt sie bis heute durch die Republik und performt ihre poetischen Texte – auch wenn es ein schwieriger Weg ist, vom Schreiben und Slamen zu leben. Als Autorin und Diplom-Psychologin kann sie ihre beiden Leidenschaften Poesie und Psychologie verbinden. Und so wird aus Lyrik und Spoken Word für sie Mental Health.

Die Texte, die sie schreibt und vorträgt, brennen ihr auf der Seele. Und auch die umfangreicheren sind ihr so sehr in Fleisch und Blut übergegangen, dass sie sie das Manuskript meist gar nicht mehr braucht. Sie beginnt mit dem erfrischenden „Gedicht gegen Menschen, die einem in der Sonne stehen“ und meint damit auch jenen Mathematik-Professor, der sie im Studium zwang, am Freitagmorgen bereits um 7 Uhr seine Vorlesung zu besuchen, nur weil er früher ins Wochenende starten wollte: „Ich hätte jetzt gern eine einsame Insel, / keinen Morgen mit Grauen, / lieber einen blauen / Himmel, der sich im klaren Wasser spiegelt. / Ich will nicht eingeigelt / hier den Winterschlaf leisten. / Ich will nicht die sein mit den meisten / Unglücksfalten des Tages. / Ich hätte jetzt gern eine einsame Insel / mit Kokosnüssen / und ohne, ohne, ohne Müssen.“

Nach dem intensiven ersten Applaus bedankt sie sich schmunzelnd und meint: „Applaus ist das Brot des Künstlers, aber Geld manchmal auch.“ Sie erläutert im Dialog mit den Schülern, wie so ein Slam als moderne Poesieschlacht eigentlich abläuft, von den drei Regeln – eigene Texte, Zeitlimit und Verzicht auf Requisiten – bis zum Sieg, der entweder über die Punkte einer Jury oder durch die Intensität des Beifalls ermittelt wird. Und dann präsentiert sie schon ihren nächsten Text, den sie zusammen mit einem Duisburger Chor als vierfache Antwort auf ein Shakespeare-Sonett entworfen hat und der die vier Jahreszeiten einer nicht immer glücklichen Zweierbeziehung widerspiegelt. Das Herbstsonett ist allerdings eine Liebeserklärung an ihren Mann, wie sie ihrem jungen Publikum erklärt: Mit dir ist alles vertraut: / Du bist lecker wie Weinreben, Apfelsaft und Federweißer.“

Ihre übrigen Texte, die an diesem Vormittag zu hören sind, kreisen um die täglichen Sorgen der Gegenwart und um Entwürfe des Frau- und Mutterseins. Sie nennen sich „Frühstück mit Apokalypse“ oder „Sie sagen Brot“ und kommen bei den Schülern bestens an. Und natürlich macht Pauline Füg auch wieder das Experiment „BOT or NOT“ mit ihren Zuhörern. Dazu trägt sie abwechselnd zwei themenähnliche Texte vor, von denen der eine von ihr selbst stammt, während der andere KI-generiert ist. Die KI ist inzwischen so gut geworden, dass die Schüler ein künstliches für ein echtes Gedicht halten. In der Qualität der Metaphern ist die menschliche der künstlichen Intelligenz zwar immer noch überlegen, doch die Slamerin fragt zu Recht: Wie lange noch?

An den Vortrag, bei dem Pauline Füg auch Fragen der Schüler beantwortete, schloss sich ein englischsprachige Poetry Slam-Workshop mit Schülerinnen der 9. und 10. Jahrgangsstufen an. Denn das Slamen ist international und entstand in den 80er Jahren in den USA. Begeistert schreiben die Schülerinnen ihre Assoziationen zu persönlichen Ängsten und Sehnsüchten auf und formulieren „Elfchen“. Später tragen sie diese auch wirkungsvoll vor – und fühlen sich schon als Slamerinnen.

Robert Luff